Leibniz-Forschungsverbund
INFECTIONS´21

© Shutterstock

News

Multiresistente Erreger: Infektionsexperten rufen Politik zum Handeln auf

Aufgrund der sich immer weiter ausbreitenden multiresistenten Erreger stehen Intensivmediziner vor einem besorgniserregenden Dilemma: „Schwere Infektionen, die zu einer lebensbedrohlichen Sepsis führen können, müssen wir viel zu oft ‚blind‘ mit Breitspektrumantibiotika behandeln, da wir zunächst weder den Erreger noch eventuell vorhandene Resistenzen bestimmen können. Gängige Laborverfahren benötigen bis zu 72 Stunden, um uns die für die therapeutische Entscheidung dringend benötigten Informationen zu liefern. Daher schießen wir unter Umständen mit Kanonen auf Spatzen. Ein Teufelskreis, der das Entstehen neuer Resistenzen begünstigt“, erläutert Prof. Michael Bauer, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Uniklinikum Jena.

Die Erforschung und Entwicklung schneller Diagnoseverfahren muss intensiv vorangetrieben werden, so eine zentrale Forderung der Unterzeichner des Aufrufs. Einen möglichen Ansatz bieten photonische Technologien – Verfahren, die Licht als Werkzeug nutzen. Sie haben das Potential, die Infektionsdiagnostik zu revolutionieren. Schnell und direkt, ohne vorherige, zeitaufwendige Kultivierung der Proben, lassen sich Erreger und deren Resistenzen innerhalb von zwei bis drei Stunden bestimmen.
Zugleich müssen neuartige therapeutische Lösungen und experimentelle Therapieansätze erforscht und klinisch getestet werden. Hierzu zählen unter anderem die Behandlung mit neuen Kombinationen vorhandener Wirkstoffe, der Einsatz von Nanopartikeln als Wirkstoffträger, Immunzell-basierte Therapien oder völlig neuartige Therapien, die eine Resistenzbildung seitens der Mikroorganismen vermeiden oder zumindest verzögern.

Zwar gibt es bereits jetzt zahlreiche innovative Lösungsansätze, aber es vergehen im Durchschnitt 14 Jahre für die Weiterentwicklung hin zu einem marktfähigen Produkt. Viele Ideen können nicht realisiert werden, da Ressourcen und Entwicklungsstrukturen nicht vorhanden bzw. nicht nutzeroffen zugänglich sind. Damit kann das in Deutschland vorhandene Innovationspotential nicht vollständig ausgeschöpft werden. Patienten profitieren nur mit großer Verzögerung von Forschungsergebnissen.

„Diesen Zustand müssen wir dringend ändern“, so Prof. Jürgen Popp, Wissenschaftlicher Direktor des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien. Er fordert:  „Mit Unterstützung der Politik müssen Kompetenzen und Erfahrungen aus unterschiedlichen Bereichen strukturell zusammengeführt und gemeinschaftlich konkrete Strategien zur Bekämpfung von Infektionen entwickelt werden.“

In ihrem Aufruf empfehlen die Unterzeichner der neuen Bundesregierung interdisziplinäre Forschungsinfrastrukturen zu schaffen, in denen neue Lösungen im Kampf gegen multiresistente Erreger erforscht und zur Marktreife weiterentwickelt werden. Hierfür sind neben einer engen Zusammenarbeit von Naturwissenschaftlern, Technologieentwicklern, Medizinern und Medizintechnikherstellern, standardisierte Prozesse sowie innovative Konzepte des Forschungsmanagements notwendig. Fragen zur klinischen Validierung und Zertifizierung müssen von Beginn an mit im Vordergrund stehen. Vorhandene Lücken in der Innovationskette – von der Grundlagenforschung bis zur Markteinführung – sollen strukturell überwunden werden, um die Entwicklungszeit auf wenige Jahre zu verkürzen.

Der Aufruf wurde in Berlin anlässlich der World Antibiotic Awareness Week der Weltgesundheitsorganisation der Öffentlichkeit vorgestellt. Zu den Unterzeichnern gehören führende Vertreter aus folgenden Einrichtungen und Verbünden: Leibniz-Gemeinschaft, Friedrich-Schiller-Universität Jena, Universitätsklinikum Jena, Leibniz-Institut für Photonische Technologien Jena, Leibniz-Institutes für Naturstoff-Forschung und Infektionsbiologie – Hans-Knöll-Institut, Forschungszentrum Borstel – Leibniz-Zentrum für Medizin und Biowissenschaften, Leibniz-Forschungsverbünde „Leibniz Gesundheitstechnologien“ und „INFECTIONS‘21“, Leibniz-Forschungscampus „InfectoOptics“ sowie Partner der BMBF-geförderten Initiativen „InfectoGnostics Forschungscampus Jena“ und „InfectControl 2020“.

Den vollständigen Aufruf finden Sie online unter:
www.leibniz-ipht.de/fileadmin/user_upload/Aufruf_Infektionskrankheiten.pdf

Infektionen auf internationaler Ebene bekämpfen

Ab Sonntag treffen sich mehr als 1.600 Wissenschaftler, Politiker, Wirtschaftsvertreter sowie Bürger aus über 80 Ländern zum jährlichen World Health Summit in Berlin. Gemeinsam diskutieren die Experten über globale Fragen des Gesundheitsmanagements und der Gesundheitsversorgung, erarbeiten zukünftige Strategien zum weltumfassenden Gesundheitsschutz und sprechen Handlungsempfehlungen aus. Das ambitionierte Ziel der Gipfelteilnehmer ist, die weltweite Gesundheit durch einen offenen Dialog und konstruktive Zusammenarbeit zu verbessern.

Noch immer stellen Infektionen ein sehr wichtiges Thema für die weltweite Gesundheit dar, was durch die steigende Zahl von antibiotikaresistenten Krankheitserregern sowie das vermehrte Auftreten von lebensbedrohlichen Pilzinfektionen und Sepsis-Erkrankungen verdeutlicht wird. Aus diesem Grund richten das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Konsortium InfectControl 2020 und der Leibniz-Forschungsverbund INFECTIONS´21 - Bekämpfung von Infektionskrankheiten im 21. Jahrhundert gemeinsam eine Teilveranstaltung des World Health Summit aus. Beide Verbünde widmen sich dem vielschichtigen Problem der Infektionskrankheiten in einem interdisziplinären Ansatz. In dem gemeinsam organisierten Workshop „Sepsis und Infektionen im 21. Jahrhundert“ treten die Verbünde in den Dialog mit der Politik, um neue Strategien und Methoden der Infektionsbekämpfung und Vermeidung zu diskutieren.

Der World Health Summit steht unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzlerin Angela Merkel, Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron und des Präsidenten der Europäischen Kommission Jean-Claude Juncker und gilt als das wichtigste strategische Forum für weltweite Gesundheitsfragen. Im Gegensatz zu den gegenwärtigen medizinischen Versorgungsansätzen, die die Behandlung kranker Menschen in den Vordergrund stellen, fördern die Experten des Gipfels Gesundheitssysteme, die eine wirksame Prävention von Krankheiten vorsehen.

Über InfectControl 2020
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert mit rund 45 Millionen Euro circa 30 Forschungsprojekte im Rahmen von InfectControl 2020, in denen Industrie- und Wissenschaftspartner aus ganz Deutschland interdisziplinär neue Strategien zur Infektionsbekämpfung erarbeiten. Erstmalig widmen sich Wissenschaftler und Unternehmer unterschiedlicher Disziplinen und Branchen in diesem Umfang dem so vielschichtigen Problem der Infektionskrankheiten.

Über INFECTIONS´21
INFECTIONS´21 ist einer der 12 interdisziplinären Leibniz-Forschungsverbünde, zu denen sich insgesamt 83 Leibniz Institute zusammengeschlossen haben. Über mehrere Jahre angelegt und offen für die Zusammenarbeit mit Universitäten und anderen außeruniversitären Forschungs- und Infrastruktureinrichtungen bearbeiten sie aktuelle wissenschaftlich und gesellschaftlich relevante Fragestellungen. Die Ziele des Forschungsverbunds INFECTIONS´21 sind die Ausbreitungswege der Erreger zu erforschen, daraus neue Strategien und Methoden für Frühwarnsysteme – auch unter Beteiligung der Öffentlichkeit – zu entwickeln, ein verbessertes Management von Ausbrüchen zu erarbeiten sowie eine optimierte Eindämmung der Erregerausbreitung zu erreichen.

Weitere Informationen:

 


 

 

Eine vernetzte Welt gestalten: Tuberkulose auf der Agenda des G20-Gipfels

Pressemitteilung vom 10.07.2017

Die Zunahme antimikrobieller Resistenzen stellt eine wachsende Bedrohung für das Gesundheitswesen dar. Um diese globale Herausforderung zu bewältigen, wurden auf dem G20-Gipfel in Hamburg konkrete Maßnahmen im Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen beschlossen. Diese Maßnahmen sind in die gemeinsame Abschlusserklärung der Staats- und Regierungschefs aufgenommen worden.  Dabei wurden zwei Kernthemen herausgearbeitet, die durch nationale Aktionspläne bis Ende 2018 auf den Weg gebracht werden sollen: Zum einen soll der verantwortungsvolle Einsatz von Antibiotika bei Tieren gefördert werden und zum anderen soll die antimikrobielle Grundlagenforschung, die klinischer Forschung sowie die Produktentwicklung vor allem im Hinblick auf Tuberkulose vorangetrieben werden. 

Das Forschungszentrum Borstel, der Leibniz-Forschungsverbund INFECTION´21 und Leibniz-Zentrum für Infektionsforschung (LCI) haben diese Themen bereits vor einiger Zeit in den Fokus Ihrer Forschungsagenda gerückt und widmen sich seitdem intensiv der Erforschung der wichtigsten Infektionskrankheiten, um verbesserte Präventionsstrategien und neue Therapieansätze vor allem im Bereich der Tuberkulose zu entwickeln. Ärzte und Wissenschaftler des Forschungszentrums Borstel engagieren sich seit Jahren für die Ausbildung von Kollegen und den Aufbau von Infrastrukturen in Osteuropa und im südlichen Afrika, wo das Problem der Antibiotikaresistenz der Tuberkulose besonders gravierend ist. Forscher aus Borstel haben innovative Verfahren entwickelt, die eine hoch präzise Vorhersage von Antibiotikaresistenzen ermöglicht. Dadurch können Patienten frühzeitig mit maßgeschneiderten Therapien behandelt werden. Gemeinsam mit nationalen und internationalen Partnern entwickeln und testen Borsteler Wissenschaftler und Ärzte neue Medikamente, die auch dann noch wirksam sind, wenn die herkömmlichen Behandlungen bereits versagen.

Das Forschungszentrum Borstel begrüßt die Verabschiedung der konkreten Maßnahmen und die in der Erklärung eingebrachte Einladung an alle Experten und Länder, sich an weiteren Initiativen zu beteiligen. Prof. Ulrich Schaible, Direktor des Programmbereichs Infektionen und Koordinator des Leibniz Forschungsverbundes Infections’21 sagt dazu: ‚In unserem Leibniz Forschungsverbund kommen nicht nur biomedizinische, sondern auch agrar-, klima- und sozialwissenschaftliche Fragestellungen zur Verbreitung resistenter bakterieller Krankheitserreger zum Tragen. Wir plädieren nachdrücklich dafür, dass die von Deutschland auf die Agenda der G20 gesetzte Thematik der Antibiotikaresistenzen jetzt innenpolitisch zu konkreten Umsetzungsmaßnahmen führen muss.‘

Großes europäisches Forschungsnetzwerk zu Citizen Science etabliert sich

In Berlin treffen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 32 Ländern, um Forschung über Citizen Science zu betreiben.

Im Rahmen des europäischen Programms zur Förderung der Kooperation in Wissenschaft und Technologie COST (framework for COoperation in Science and Technology) hat das Museum für Naturkunde Berlin gemeinsam mit Partnern aus europäischen Ländern Mittel zur Erforschung der gesellschaftlichen Wirkungen von Citizen Science eingeworben. „Mit 32 beteiligten Ländern ist diese COST Action eine der größeren“, sagt Katrin Vohland, Museum für Naturkunde Berlin, die diese Initiative leitet. „Wir sind überwältigt vom Interesse an dem Thema Citizen Science. Wir wollen verschiedene gesellschaftliche Gruppen aus quasi allen europäischen Ländern an Forschung beteiligen, auch um an der Idee der Aufklärung und Wertschätzung von Wissenschaft festzuhalten.“

In der Citizen Science - COST Action (Citizen Science to promote creativity, scientific literacy, and innovation throughout Europe) arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 32 Ländern an Fragen des Zugangs der Bevölkerung zu Wissenschaft, Technologie und Innovation, mit einem speziellen Fokus auf den Ansatz von Citizen Science. Citizen Science, auf Deutsch Bürgerwissenschaft, bedeutet, dass sich Laien am Forschungsprozess beteiligen. Häufig werden Daten von Ehrenamtlichen erhoben, aber auch die Entwicklung der Fragestellung oder die Interpretation der Daten gehören zum Forschungsprozess. Welche technischen Möglichkeiten gibt es, die Zusammenarbeit zwischen wissenschaftlichen Institutionen und Laien zu verbessern? Wie können benachteiligte gesellschaftliche Gruppen einbezogen werden? Funktioniert Bürgerwissenschaft in Osteuropa anders? Mit diesen und anderen Fragen wird sich das Netzwerk befassen. Die Auftaktveranstaltung findet am 12. und 13. Dezember 2016 in Berlin statt.

Mehr Informationen:
Zur offiziellen Seite: http://www.cost.eu/COST_Actions/ca/CA15212?
Link zum Programm: http://cs-eu.net/

Quelle: https://idw-online.de/de/news664859